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Land digital: digitale Möglichkeiten für ländliche Räume in Thüringen

Mit der Digitalisierung ergeben sich neue Möglichkeiten für ländliche Regionen: Homeoffice, Videokonferenzen, Telemedizin oder Apps für verschiedene Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Was sind die Chancen der digitalen Anwendungen? Welche Herausforderungen ergeben sich?

Ruhe, Natur und bezahlbarer Wohnraum – das Leben auf dem Land bietet viele Anreize. Allerdings stehen die ländlichen Räume auch in Thüringen vor zentralen Herausforderungen: Strukturwandel, demografischer Wandel und Fachkräftemangel sind bekannte Schlagwörter. Stellenweise nicht vorhandene Infrastruktur, wie fehlende Kindergärten und Schulen, Versorgung mit Ärzt*innen oder auch Einkaufsmöglichkeiten, lassen junge Menschen wegziehen. Die fehlenden Fachkräfte machen wiederum die ländlichen Regionen weniger attraktiv für Unternehmen.

Einige ländliche Gebiete sehen und nutzen trotz der bestehenden Herausforderungen die Potentiale digitaler Services, um die Lebensqualität der Bürger*innen zu verbessern und die Attraktivität der Region zu erhöhen. In unserer derzeit laufenden Newsletter-Reihe "Land digital", stellen wir Apps und digitale Plattformen aus dem ländlichen Raum in Thüringen für unterschiedliche Themen vor, bspw. digitaler Marktplatz für regionale Erzeugnisse, Kultur, Tourismus oder Ehrenamt. Wir beleuchten die Beweggründe und die Herausforderungen.

Der Leiter des Berliner Kontaktbüros des Fraunhofer IESE (Kaiserslautern) Gerald Swarat beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im ländlichen Raum. Die Fraunhofer IESE hat das Projekt Digitale Dörfer ins Leben gerufen. Ebenso unterstützt Herr Swarat bei der Ausgestaltung von Bundesförderprogrammen für den ländlichen Raum. Wir haben ihn zu den Chancen und Herausforderungen digitaler Anwendungen im ländlichen Raum befragt. Mit seinen Antworten möchte Herr Swarat bewusst offene Punkte ansprechen und zu einer Diskussion anregen.

 


 

Interview mit Gerald Swarat:

 

Welche wichtigen Grundvoraussetzungen sehen Sie, damit die Nutzung digitaler Anwendungen in ländlichen Regionen – gerade vor dem Hintergrund der Herausforderungen in Thüringen - gelingen kann?

  • Ganz generell: Im Sinne annähernd gleichwertiger Lebensverhältnisse ist ein schnelleres Internet auf dem Land wichtiger als in der Stadt. Wir brauchen außerdem Förderprogramme, damit die Kommunen starke Partner*innen bekommen und Ideen testen können. Im Sinne der Nachhaltigkeit braucht es parallel sowohl viel Beratung für die Verwaltung, als auch Prozess- und Personenförderung (auch im Konzern Kommune), da es meistens an Knowhow, qualifiziertem Personal und Geld fehlt. Allein den Willen muss jede Kommune aus sich selbst heraus entwickeln.

 

Welche Möglichkeiten sehen Sie für digitale Anwendungen, beispielsweise für Apps, in ländlichen Gebieten in Thüringen?

  • Digitale Anwendungen im Bereich der Daseinsvorsorge werden wir vermehrt sehen. Erfolgreich werden allerdings nur die Lösungen sein, die komplexer, breiter angelegt sind und aus dem Gedanken des Ökosystems agieren und z. B. nicht nur Tickets für den Bus anbieten oder für das Carsharing in Kleinkleckersdorf, sondern dann eher ein multimodales Mobilitätsangebot wie jelbi anbieten. Ein wichtiger Bereich ist die Kommunikation und Vernetzung mittels Nachbarschafts-Apps wie beispielsweise nebenan.de. Dazu zählt auch unsere DorfFunk-Anwendung, die nicht nur einen Kanal zwischen den Menschen aufmacht, um Sachen zu teilen oder zu suchen, sondern auch einen Dialog mit der Verwaltung ermöglicht, bürgerschaftliches Engagement unterstützt oder einfach nur kuratierte News der Gemeinde und den Regionalreporter*innen bereitstellt.

 

Mit welchen Herausforderungen sind aus Ihrer Sicht ländlich geprägte Regionen bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten konfrontiert?

  • Da gibt es schon einige Punkte, die einfach Zeit brauchen, wie bspw. der Kulturwandel in der Verwaltung, die nicht mehr hoheitlich aus dem Elfenbeinturm agieren kann, sondern serviceorientierter Dialogpartner für die Stadtgesellschaft werden muss – eine ansprechbare Verwaltung wird Faktor der Ortswahl für Unternehmen und Familien werden! Dann gibt es die harten Fakten der kommunalen Exzellenz angesichts zunehmender Aufgaben bei gleichzeitigen Effekten des demographischen Wandels sowie des Fachkräftemangels. Wenn es nun keine starke Community vor Ort gibt, die innovative Themen einfordert und damit auch zum Politikum macht, fällt die Entscheidung einfacher, keine Digital-Strategie zu erarbeiten und konsequent umzusetzen. Hinzu kommt, dass – zumindest ohne Förderprogramme – das Interesse von Unternehmen geringer ist, Geschäftsmodelle für die ländlichen Räume zu entwickeln.

 


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